Projektkonzept zur Bewegungsförderung Pflegebedürftiger

Gesundheitsförderung und Prävention für verschiedene Zielgruppen

Das Modellvorhaben POLKA vereinigt Elemente der Gesundheitsförderung und Prävention für verschiedene Zielgruppen miteinander: Es sollen sowohl pflegebedürftige ältere Menschen als auch die sie professionell Pflegenden erreicht sowie An- und Zugehörige der Senioren einbezogen werden. Pflegeeinrichtungen, die ein „Bewegtes Heim nach Lübecker Konzept“ geworden sind, sollen perspektivisch die Option erhalten, sich verstärkt ins Quartier hinein zu öffnen und dort als Anlaufstelle für Bewegungsförderung wahrgenommen zu werden.


Das „gesunde Maß“ an Bewegung

Senior:innen Sport (c) iStock

Regelmäßige körperliche Aktivität kann sich förderlich auf die physische und psychische Gesundheit auswirken. Die WHO empfiehlt daher den folgenden Mindestumfang an wöchentlicher Gesamtaktivität für Erwachsene ab 18 Jahren, um einen gesundheitsförderlichen Effekt zu erzielen:

-    150 Minuten moderate (aerobe) körperliche Aktivität oder
-    75 Minuten intensive (aerobe) körperliche Aktivität oder
-    Eine Kombination aus beiden Varianten

Dieser Umfang kann in mehreren Einheiten von jeweils mindestens
10 Minuten erreicht werden. An mindestens zwei Tagen der Woche sollten Kräftigungsübungen, besonders für die großen Muskelgruppen, durchgeführt werden. Diese wirken sich ebenso positiv auf die Gesundheit aus. (WHO 2010).

In den nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung der BZgA sind für Erwachsene ab 65 Jahren zusätzlich noch folgende Empfehlungen formuliert:

-    Ältere Erwachsene mit Mobilitätseinschränkungen sollten an mindestens drei Tagen der Woche Gleichgewichtsübungen zur
     Sturzprävention durchführen. 
-    Ältere Erwachsene sollten lange Sitzphasen meiden und nach Möglichkeit das Sitzen regelmäßig mit körperlicher Aktivität
     unterbrechen. (BZgA 2017)

Im Projekt POLKA unterstützen wir Pflegeeinrichtungen darin, auf verschiedenen Wegen mehr Bewegungsförderung in ihren Alltag zu integrieren.


Interventionen zur Bewegungsförderung bei Pflegebedürftigen

Senior:innen Sport (c) iStock

Die Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck (FGL) hat mit dem „Lübecker Modell Bewegungswelten“ (LMB) das erste multimodale Trainingsprogramm für geriatrische Pflegebedürftige in Deutschland entwickelt, das in diversen adressierten Dimensionen – der Selbstständigkeit als primärem Erfolgsparameter, aber auch z. B. Gehfähigkeit, Ausdauer, Gleichgewicht und Kraft - langfristige präventive Effekte nachweisen konnte.

Zum Erhalt des Erreichten ist ein kontinuierliches angeleitetes Training erforderlich, da die große Mehrheit der Heimbewohner*innen nicht in der Lage ist, eigeninitiativ zu trainieren. Viele sind außerdem nicht mehr belastbar genug, um an einstündigen Gruppenaktivitäten teilzunehmen.

Um auch diesen Senior*innen eine zusätzliche Möglichkeit zur Prävention fortschreitender Fähigkeitsverluste anzubieten, werden daher basierend auf dem LMB weitere Interventionen partizipativ entwickelt:

• Übungseinheiten für ein fünfmal wöchentlich stattfindendes halbstündiges Gruppentraining sowie
• Anleitungen zur Gestaltung von 10-Minuten-Trainings für die Einzelförderung

Nach Situations- und Bedarfsanalyse in den Pflegeeinrichtungen werden individuell passende Interventionen ausgewählt. In allen Planungsabschnitten wird der partizipative Ansatz einer offenen und aktiven Kommunikationskultur im Projektteam, mit den Verantwortlichen in den Pflegeeinrichtungen und vor allem mit den Mitarbeiter*innen berücksichtigt.

In der Regel führt die Bewegungslots*in zweimal wöchentlich das einstündige Gruppentraining mittels des „Lübecker Modell Bewegungswelten“ (LMB) durch und steht anschließend als Ansprechpartner*in zur Verfügung, informiert z.B. über andere Möglichkeiten der Bewegungsförderung. Die Bewegungsexpert*innen können nach entsprechender Schulung an fünf Tagen pro Woche ein dem Konzept des LMB folgendes Gruppentraining von jeweils 30 Minuten oder dreimal 10 Minuten Einzelförderung durchführen sowie weitere Interventionen der Bewegungsförderung. Ihnen kommt zusätzlich für die Nachhaltigkeit eine besondere Bedeutung zu, indem sie im Setting Pflegeheim als Multiplikator*innen der Bewegungsförderung wirken.


Qualifizierung von Bewegungsexpert*innen und Bewegungslots*innen

Pflegende leitet Bewohner an (c) iStock

Die das in Pflegeheimen übliche Maß übersteigende Intensität der Bewegungsförderung setzt eine zusätzliche Qualifizierung des Personals voraus. In POLKA ist dafür eine von der FGL durchzuführende Schulung zu „Bewegungslots*innen“ (mit Kenntnissen z. B. auch anderer Methoden der Bewegungsförderung außer dem LMB) und zum Heimpersonal gehörenden „Bewegungsexpert*innen“ vorgesehen.

Die Schulung zu Bewegungslots*innen wird ca. 64 Unterrichtseinheiten in Anspruch nehmen. Zu den zu vermittelnden Kompetenzen gehören Kenntnisse von Maßnahmen zur bewegungsfördernden Umgebungs- und Alltagsgestaltung und individuellen Förderung sowie über verschiedene Bewegungsprogramme, von denen mindestens das LMB auch als Übungsleiter*in beherrscht werden soll. Das Erlernen von Assessment-Methoden soll die Lots*innen in die Lage versetzen, das Bewegungspotenzial der Bewohner*innen möglichst treffsicher einzuschätzen und den Bewegungsexpert*innen zu helfen, realistische Zielsetzungen zu formulieren, ferner dient es dazu, die Zielerreichung zu kontrollieren. Kenntnisse zum Pflegeprozess, zum adäquaten Hilfsmitteleinsatz und zu die Bewegungsabläufe beeinflussenden Erkrankungen unter besonderer Berücksichtigung der Demenz sind unabdingbar, um bedarfsgerechte Problemlösungsstrategien in Abstimmung mit den Bewegungsexpert*innen entwickeln und diese bei der Umsetzung unterstützen zu können. Die Rolle der Bewegungslots*innen erfordert neben einem umfangreichen Wissen auch gute didaktische Fähigkeiten, Zuversicht und Geduld. Auf dieser Basis ist auch eine zusätzliche Qualifizierung für die betriebliche Gesundheitsförderung gut vorstellbar.

Für die Schulung zu Bewegungsexpert*innen werden je nach Vorwissen 16 bis 32 Unterrichtseinheiten veranschlagt. Zu den Inhalten gehören Informationen zur Rolle der Bewegungsförderung im Kanon gesundheitsförderlicher Maßnahmen, Basiswissen aus Anatomie, Physiologie, Sportwissenschaft, Gerontologie und Geriatrie sowie die Vermittlung von Methoden zur individuellen Bewegungsförderung im Alltag einschließlich der positiven Beeinflussung der Motivationslage. Die erfolgreiche Teilnahme berechtigt auch Pflegefachkräfte und Betreuungskräfte nach §43b zur Teilnahme am Kurs zum Erwerb der Lizenz als LMB-Übungsleitende. Mindestens ein*e Bewegungsexpert*in pro Einrichtung sollte diese Lizenz erwerben und für die Durchführung der neuen halbstündigen Einheiten eines am LMB orientierten Gruppentrainings zur Verfügung stehen.